«Die Erinnerung an unbekannte Städte»

Die promovierte Astrophysikerin Simone Weinmann hat mit ihrem Roman «Die Erinnerung an unbekannte Städte» eine Dystopie geschaffen, die aktuelle Fragen aufwirft.

Wir schreiben das Jahr Jahr 2045 und die Menschheit hat eine weltweite Katastrophe überlebt. Sie kämpft mit einfachsten Mitteln gegen Krankheit, Hunger und Not. Plastisch wird uns vor Augen geführt, wie fragil die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik sind, und was ihr Verlust bedeuten würde.

Simone Weinmann hat den Lehrgang Literarisches Schreiben 2015/2016 absolviert. Im Interview mit der Lehrgansleiterin Viola Rohner gibt sie Auskunft über die Entstehung und die Arbeit am Roman.

Dein Roman veranschaulicht, wie unsere Welt aussehen würde, wenn wir wieder weitgehend auf die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik verzichten müssten. Es keine Impfungen, Antibiotika, Strom, Benzin oder auch Unkrautvertilger geben würde. Warum führst du uns eine solche Welt vor? Was hat dich an diesem Setting interessiert?

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Das Buch hat für mich mit einer einzelnen Szene angefangen: Einem Lehrer, der in einer zukünftigen, rauheren Welt durch den Schnee geht. Der ganze Rest des Romanprojektes war eine Art Erforschung dieser Welt und der darin auftauchenden Figuren. Was mich daran interessiert hat, ist gar nicht so einfach zu sagen; ich glaube, wenn ich das leicht in Worte fassen könnte, hätte ich keinen ganzen Roman darüber geschrieben. Es ist einerseits sicher eine Angstfantasie über die Auswirkung des Klimawandelns. Daneben ist es eine Liebeserklärung an all die Vorteile unserer modernen Zeit, insbesondere an die moderne Medizin. Andererseits gibt es auch etwas, das mich an versehrten Welten anzieht – zum Beispiel die Epochen des 18. und 19. Jahrhunderts. Romane aus dieser Zeit mag ich besonders gerne. Die Ruhe und Nähe der Figuren zu sich und den Menschen direkt um sie herum. Und ich muss auch zugeben, dass ich gerne unheimliche Szenen schreibe und auch lese. Ich mag das Abgründige und Versehrte an dieser Welt und möchte gerne, dass man sich beim Lesen ein bisschen gruselt.

Dystopien sind ja auch immer Antworten auf unsere Zeit. Sie versuchen mit literarischen Mitteln aufzuzeigen, wie sich heutige gesellschaftliche Probleme oder Tendenzen in der Zukunft auswirken könnten. Was sind die Zeitfragen, die dich beschäftigen?

Mich beschäftigen der Klimawandel und die verschiedenen Debatten darüber. Zum Beispiel wie man den CO2-Ausstoss mit Steuern belegen könnte, ob künstliche Eingriffe in die Atmosphäre verboten werden müssten, ob man doch zur Atomkraft zurückkehren sollte und so weiter. Dazu gehört auch das Thema, wie die Gesellschaft mit wissenschaftlichen Erkenntnissen umgeht, die unbequem sind und den Status Quo in Frage stellen. Mich treibt auch um, wie Menschen in Krisen oft am vermeintlich Bewährten festhalten und aus Angst vor Veränderung in Wunschdenken und Verschwörungstheorien abrutschen. Ich denke auch oft über die Verwundbarkeit unserer extrem vernetzen, komplexen Zivilisation nach, die von vielen Seiten her bedroht ist, wie wir zur Zeit ja leider gerade alle sehr spüren.

In deinem Roman wird nicht genauer gesagt, was für eine Katastrophe passierte, die dazu führte, dass es auf der Welt während Tagen ganz dunkel bleibt und die Sonneneinstrahlung durch eine Art Staubfilm langanhaltend vermindert wird. Einige Menschen vermuten, dass es sich um missglücktes Geoengineering handel, also eine Methode, die Klimakatastrophe mit technischen Mitteln abzuwenden. Warum hast du diese Vermutung im Roman nicht zur Gewissheit werden lassen?

Das liegt daran, dass es auch für die Hauptfiguren keinen Weg gibt, Gewissheit darüber zu erlangen. Ich wollte nicht mit ihrer Perspektive brechen, sondern der Leser, die Leserin soll sich eben auch darin einfühlen, dass man im Gegensatz zu heute vieles einfach nicht mehr herausfinden kann.

Mir fällt auf, mit welcher Hingabe und Genauigkeit du diese Welt im Jahr 2045 beschreibst. Wie bist du bei der Erfindung dieser Welt vorgegangen?

Ich mag diesen Aspekt des Romanschreibens sehr, dieses Bauen von anderen Welten, und denke gern darüber nach. Das Gute daran ist, dass dieses Bauen einer Welt auch beim Spazierengehen passieren kann oder wenn man zu müde ist, um tatsächlich zu schreiben. Manchmal musste ich aber beim Romanschreiben bewusst eine Pause machen, weil ich merkte, dass ich für eine nächste Szene meine Welt noch genauer kennen muss, und habe dann statt zu schreiben darüber nachgedacht, wie meine Figuren am besten Seife herstellen können, oder habe recherchiert, wie das mit der Dreifelderwirtschaft genau funktioniert.

Für einen Roman nicht nur die Figuren und die Handlung zu erfinden, sondern auch die ganze Welt, in der der Roman spielt, ist extrem anspruchsvoll. Gibt es konkrete Tipps, die du Schreibenden, die ein ähnliches Projekt planen, gibst?

Ich glaube, etwas vom Wichtigsten ist, dass man nicht schneller schreibt, als man die Welt baut. Sonst beginnt man beim Schreiben einer Szene irgendetwas zu erfinden, das nachher mit der Welt nicht konsistent ist und das man trotzdem unbedingt behalten will. Aber natürlich kann auch aus so einem spontanem Bild oder einer schon geschriebenen Szene etwas entstehen, das dann die Welt definiert oder einen Aspekt davon verändert oder schärft. Aber das darf man sich nur zu Beginn des Projekts erlauben. Nachher führt es zu Chaos oder Inkonsistenzen.

Dein Roman wird aus drei Perspektiven erzählt. Aus der Perspektive Ludwigs, einem Dorfschullehrer, der früher Informatiker bei einer Bank war, und Nathanael und Vanessa, zwei seiner Schüler. Warum hast du drei Perspektiven gewählt und nicht nur eine? Und warum gerade diese drei?

Ich wollte zuerst nur aus Ludwigs Perspektive schreiben. Aber dann habe ich einmal diejenige von Nathanael ausprobiert und gemerkt, dass der frische Wind, den er hineinbringt, mir Spass macht und dem Text guttut. Ich fand es spannend, die Perspektive von Nathanael zu erforschen, der nicht wie Ludwig den Bruch und das Ende der alten Zivilisation miterleben musste, sondern in die neue Welt hineingeboren wurde. Irgendwann kamen mir die zwei männlichen und eher rationalen Perspektiven dann zu limitiert vor, ihr Blick auf die Welt war zu einseitig. Ich hatte das Gefühl, dass es noch eine weitere Stimme braucht. So ist Vanessa dazugekommen, die mutiger und pragmatischer ist als die beiden anderen und auch unsere heutige Welt kritischer sieht.

Geht es in deinem Buch um das Schildern eines möglichst realistischen Zukunftsszenarios oder ist das Szenario eher metaphorisch zu verstehen?

Die Geschichte ist symbolisch zu verstehen. Auf der metaphorischen Ebene könnte es um einen Menschen gehen, Ludwig, der zu Beginn nach einem schweren Verlust und dem Zerschlagen seiner Zukunftsträume völlig blockiert ist und erst langsam ins Leben zurückfindet. Dann wären die zwei Jugendlichen – vielleicht Aspekte von ihm, die noch lebendig sind. Manchmal schien es mir auch, dass das Buch in einer Art Jenseits spielt. Dass Ludwig gestorben ist und in einem Limbus weilt, aus dem er erst herausfinden kann, wenn er einiges loslässt. Ich selbst liebe mehrdeutige Texte, besonders, wenn die zweite und dritte Ebene gut versteckt ist und sich plötzlich eröffnet. Ich wollte immer, dass es sich in meinem Buch auch so verhält.

Eine erste Fassung deines Romans ist bereits in der sechsmonatigen Projektphase des Lehrgangs Literarisches Schreiben 2015/16 entstanden. Inwiefern hat dir der Besuch des Lehrgangs geholfen, diesen Roman zu schreiben?

Der Lehrgang war zentral, um mit dem Roman überhaupt zu beginnen. Das erste Bild des Romans ist in einer von Ruth Schweikert angeleiteten Übung entstanden. Bei Rolf Hermann haben wir einmal Wintergedichte geschrieben, die zumindest stimmungsmässig in den ersten Teil des Romans eingeflossen sind. Aus deinem Kursteil, Viola, habe ich viel über das Dialogschreiben und über Informationspolitik gelernt, und natürlich hast du mir dann in der Projektphase sehr viel wichtiges Feedback gegeben. Inbesondere verdanke ich dir, dass der Roman szenisch geschrieben ist. Es war auch sehr hilfreich, dass du mich gezwungen hast, mir das Ende des Romans schon früh zu überlegen und ihn vorzustrukturieren!

Von allen DozentInnen und allen Schreibenden habe ich viel Inspiration, Ermutigung und Feedback bekommen, was mich sehr weitergebracht hat. Sehr wichtig war im übrigen auch, dass es Deadlines gab und man sich deshalb nicht vor dem Schreiben drücken konnte.

Welchen Rat würdest du angehenden Autorinnen und Autoren geben, die den Wunsch haben, ein erstes Buch zu veröffentlichen?

Sich austauschen mit anderen, von anderen lernen und dann schliesslich das Manuskript auch Profis zeigen – auf welche Art das auch immer möglich ist: Mit einem bezahlten Lektorat, der Teilnahme am Lehrgang «Literarisch Schreiben», einer Veranstaltung wie dem Romanseminar des Literaturhaus München oder ähnlichen Kursen. So kann man nicht nur viel über das Schreiben lernen, sondern auch Kontakte knüpfen, die beim Schritt in die Verlagswelt sehr wichtig sind.

Simone Weinmann, Die Erinnerung an unbekannte Städte, Verlag Antje Kunstmann, 2021

Simone Weinmann hat in Zürich bei Professor Ben Moore in Astrophysik promoviert und einige Jahre am Max-Planck-Institut in Garching bei München und an der Sternwarte in Leiden gearbeitet. Heute unterrichtet sie Physik und lebt mit Mann und Kind in Zürich. Sie absolvierte den Lehrgang Literarisches Schreiben 2015/16 und war 2017/2018 Stipendiatin des Roman-Seminars am Literaturhaus München bei Günther Eisenhuber und Annette Pehnt.