Neustart 26. Oktober 2021

Lehrgang Europäische Musikgeschichte

Von den Anfängen bis in unsere Gegenwart

Die europäische Musikgeschichte ist ein gewaltiger Strom, in dem wellenförmig verschiedene Elemente hoch- und hinunter gespült werden.

Von Thomas Meyer, lic. phil., Musikwissenschaftler und Lehrgangsleiter

Woher kommt die europäische Musik? Welche Klänge haben die MusikerInnen fasziniert? Welche Mythen und Diskussionen, welche historischen Ereignisse haben sie beschäftigt? Die Entwicklung führt von antiken und mittelalterlichen Theorien über die ersten Versuche mehrstimmigen Gesangs und Vollendung der franko-flämischen Schule, über Barock, Klassik und Romantik über die Jahrhunderte bis heute.

Thrakische Frau mit Orpheus‘ Kopf und Lyra von Gustave Moreau (1865)

Orpheus zum Beispiel, der mythische Sänger, der der in die Unterwelt hinunterstieg, um mit seinem betörenden Gesang seine verstorbene Geliebte Eurydike zurückzuholen – und an seinem Verlangen scheiterte. Aber wiederauferstand bei Monteverdi mit der Oper um 1600: Hätte man einen besseren Grund finden können, dass sich Menschen singend auf der Bühne bewegen und eine Geschichte erzählen? Bis heute geistert Orpheus durch die Operngeschichte und begeistert stets aufs Neue.

Da gab es aber auch die Sirenen, die den Odysseus in den Tod zu locken suchten, was dieser nur mit Disziplin und aller List verhindern konnte – verführen uns diese musikalische Stimmen nicht bis heute? Ist der an den Mast gefesselte Odysseus nicht ein Bild dafür, wie wir heute diszipliniert in den Konzertreihen sitzen, um uns den dionysischen Kräften der Musik gefahrlos hingeben zu können.

Da gibt es aber auch den jungen David, der mit seinem Harfenspiel den melancholischen König Saul beruhigte – ein Urbild aller Musiktherapeuten. Sollen uns Klänge heilen, uns besänftigen oder sollen sie uns aufrütteln? Das Dilemma bewegt uns noch heute, durch alle «Modernen» hindurch. Und schliesslich war da Pythagoras, der die Zahlenverhältnisse hinter den Klängen entdeckte, weswegen die Musica jahrhundertelang zu den strengen, zählenden Wissenschaften gezählt wurde. Schon in der Antike beriefen sich Philosophen aber auch auf das Gehör und unebenmässige Zahlenverhältnisse – das ist der Zwiespalt zwischen Zählen und Hören, der uns bis in die jüngste Gegenwart bewegt.

So wurden in der Musik über die Jahrtausende gegensätzliche Grunderfahrungen weitergetragen, die uns noch heute bewegen. Wellenartig tauchen sie im gewaltigen Strom der Musikgeschichte ab und wieder auf, je nach den Vorlieben der KomponistInnen und MusikerInnen, und nach jenen des Publikums, der Herrschenden, der Geistlichen, der Bürgerlichen oder der ArbeiterInnen. Mal schwingen die Konstrukteure obenauf, dann die Emotionsgetriebenen und Spontanen – und manchmal erscheint alles in einem Gleichgewicht. Es ist faszinierend, diesem Wechselspiel durch die Jahrhunderte zu folgen.

Und von allen Seiten wurde diese europäische Musik bereichert. Aus dem arabischen Raum kamen neue Instrumente und Spieltechniken, von Osten unbekannte Tonleitern, von Übersee feurige Rhythmen. Und bei alledem wird leicht unterschätzt, welch wesentliche Rolle die Improvisation dabei spielte: das Gestalten aus dem Stegreif ohne schriftliche Fixierung. Bevor KomponistInnen die verschiedenen musikalischen Elemente zu einem Werk zusammensetzten, wurden sie im freien Spiel erprobt. Und so wird deutlich: Wir verstehen Musikgeschichte zwar oft als eine Folge von Komponisten (und seltener: Komponistinnen), aber die geistige und kulturelle Entwicklung dahinter bleibt uns oft verborgen. Der siebenteilige Kurs «Musikgeschichte» versucht, diese Aspekte zusammenzuführen.

Übersicht der Module:

Thomas Meyer

lic. phil., Musikwissenschaftler/-journalist

Freischaffender Musikessayist und Musikwissenschaftler. Studium an der Universität Zürich bei Kurt von Fischer (Musikwissenschaft), Hans Ulrich Lehmann (Neue Musik) und Werner Weber (Literaturkritik). Langjährige Tätigkeit als Musikjournalist für Zeitungen, Fachzeitschriften und Rundfunkanstalten. Mitglied von Fachgremien und Festivalleitungen wie dem Musikfestival Bern. Unterricht an Fachhochschulen und seit 2008 an der Volkshochschule Zürich. 2016 Atelierstipendium der Stiftung Landis&Gyr in London. Publikationen u.a. zur Neuen Musik und zur Improvisation.