12 Jul

Bild: Gruppenchoreographie von Rudolf Laban (Foto: Ivona Wojnicka, aus dem Film „Living Architecture. Rudolf Laban and the Geometry of Dance“ von Valerie Dunlop-Preston und Anna Cerliste, 2008)

Anna-Konstanze Schröder

Wunder, Wahnsinn oder Geniestreich? Kultur ist immer eine Frage der Deutung, die ihrerseits ein kulturelles Produkt ist. So sehen die einen ein Wunder, die anderen sagen: Blanker Wahn(sinn), die dritten: Ein Wurf! Vernunft will zwar alles erklären, schafft es aber nicht, weil es – spirituell ästhetisch motiviert – eine Neugier nach neuen, nicht klassifizierten Erfahrungen gibt.

Es ist verrückt! Der moderne Ausdruckstanz ist in den 1910er Jahren auf dem Monte Verità entstanden. Wäre es 300 Jahre früher gewesen, seine Erfinder Rudolf von Laban und Mary Wigmann wären wohl als Hexen verbrannt worden. In den ungewohnten Bewegungsformen in freier Natur hätte man damals eher einen Hageltanz oder sonst ein Verhexungsritual vermutet anstelle eines neuen Körperbewusstseins. Auffällig, dass die ersten Aufführungen im Ausdruckstanz spirituell anmutende Titel wie „Sang an die Sonne“, „Hexentanz“ oder „Ein Elfentanz“ trugen. Man lebte in einer Übergangszeit in Europa, die zwischen Fortschrittsglaube, Rückbesinnung auf Tradition und neuem Selbst-Bewusstsein schwankte. Immerhin musste abweichendes Verhalten nicht mehr unbedingt religiös gedeutet oder moralisch beurteilt wurde. Doch die Abweichung musste benannt werden. Sie wurde pathologisiertt: Wessen Verhalten und Haltungen nicht in den üblichen Normen passte, wurde als verrückt oder krank erklärt.

Das „Labor“ für die neuen Tänze und die verrückten Tänzer war die Gemeinschaft des Monte Verità im Tessin. Hier trafen sich Lebensreformer wie Sozialisten und Vegetarier, Künstler, Intellektuelle, aber auch Spiritisten, Theosophen und an aussereuropäischen Religionen Interessierte. Es entstand dort eine Kolonie von Menschen, die man heute wohl als „Aussteiger“ bezeichnen würde. Am Anfang stand der Sanatoriumsaufenthalt zweier Gründer. Auch Rudolf von Laban ging nach einem Kuraufenthalt in einem lebensreformerischen Sanatorium auf diesen Berg. Waren die Bewohner auf dem Monte Verità nun psychisch Kranke, lebenssatte Aussteiger oder geniale Künstler oder spirituelle Innovatoren? Wahrscheinlich alles zugleich.

Diagnosen statt Wunderglaube

Hundert Jahre später hat sich in Europa die Interpretation von psychisch krank für Menschen mit abweichendem Verhalten durchgesetzt. Wer Emotionen zeigt, wo Rationalität gefordert wird, spricht sich besser mit einem Coach aus. Wer Stimmen hört, fragt seinen Arzt nach dem Namen dieser Krankheit. Wer sich überarbeitet hat und des Lebens müde ist, arbeitet mit einem Psychotherapeuten die Kindheitserfahrungen auf und geht regelmässig joggen. Auf dem Monte Verità befindet sich inzwischen ein wissenschaftliches Tagungszentrum, aber kaum mehr lebensreformerisches Leben. Dennoch, die Wissenschaft hat es nicht geschafft, Religionen und spirituelle Interpretationen völlig (weg)zurationalisieren bzw. zu pathologisieren.

Man findet noch immer Menschen mit religiösen und ungewöhnlichen Erfahrungen in Europa, die sich – laut der Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation – im Zustand völligen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens befinden. Sie kommen in ihrem Alltag gut zurecht, schaden sich und anderen nicht: Es sind Menschen, die die Stimmen von Engeln hören und sich in einem Kreis gleichgesinnter darüber austauschen; es sind Menschen, die sich im Umfeld einer Pfingstgemeinde emotional gehen lassen können; es sind Menschen, die in der Konversion zum Islam oder zum Buddhismus oder in der Abwendung von jeglicher Religion eine für sie sinnvollere Weltordnung finden; es sind Menschen, die im Reiki-Heilungsritual oder im Sprechen von Koranversen erholsame Entspannung erleben. Religionen können hier stimmige Deutungen anbieten und Sinn stiften.

Wunderbarer Wandel

Die Deutungen abweichenden Verhaltens ändern im Laufe der Zeit. Waren Vegetarier vor 100 Jahren noch weltfremde Lebensreformer, so muss heute jedes Restaurant mindestens ein vegetarisches Gerichte anbieten. Rudolf von Laban gründete eine Tanzschule in Zürich. Eckten Mary Wigman und er früher wegen ihres spiritistischen Tanzstils an, so stösst man sich heute mehr an ihrer Nähe zum nationalsozialistischen Körperkult. Entschieden früher die grossen Religionen, wer verrückt war – ob nun Hexe oder unmoralisch –, so gilt heute für manche schon jeder Ausdruck von Religion als verrückt.

Und doch bleibt der Graubereich an der Grenze zwischen Wahnsinn und rationalisierbarer Deutung. Je genauer der rationale Diskurs unsere Wahrnehmungen erklären kann, umso stärker suchen viele in den Grenzzonen des Sinnlichen nach Erfahrungen, die die Deutungsmöglichkeiten der Vernunft übersteigen. Man kann es Wunder nennen; Wunder sind die sinnlichen Zeichen übersinnlicher Kräfte. Man kann auch Wahn finden darin, Verrücktheit. Oder Kunst: ein Geniestreich, für den das Verständnis erst wachsen muss. Letztlich ist es eine Frage, wie man die Welt gerne hätte: durcherklärt, geheimnisvoll oder geheimnisvoll. Die Psychologie bietet für das Phänomen Wunder Krankheitsbilder und Methoden, um angepasstes Verhalten einzuüben. Genauso offeriert die Religion Erklärungen, um irritierende Erfahrungen mit Sinn zu versehen. Aufgabe der Gesellschaft bleibt es, auszuhandeln, ob bestimmte Verhaltensweisen als krank zu deuten sind oder als religiös, als spirituell, als bereichernde Vielfalt oder als geniale künstlerische Innovation.

«Wunder oder Wahn (mit Sinn)?»
Ringvorlesung Prof. em. Dr. Stefan Schreiner, Dr. Anna-Konstanze Schröder, Dr. Roger Cahn, Prof. Dr. Heinz Käufeler
Donnerstag, 6. – 27. Sept. 2018, 19:30 – 20:45, Universität Zürich Zentrum.

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