26 Okt

Mehrfach wurde uns anlässlich der Eröffnung des Hauses Bärengasse die Frage gestellt, warum wir es zulassen, dass das Gebäude nicht rollstuhlgängig sei. Hier unsere Antwort:

Das Haus Bärengasse 20/22 ist im Parterre rollstuhlgängig. Die oberen Stockwerke zeichnen sich durch unterschiedliche Deckenniveaus der beiden Hausteile und ein durchgehendes Set von historischen Türen aus, die alle 5 bis 10cm hohe Schwellen aufweisen. Der 1995 eingebaute Lift entspricht leider nicht der heutigen Norm, d.h. er ist zu klein für einen Rollstuhl. Hingegen können sich Menschen mit Rollator oder am Stock einigermassen problemlos im Haus bewegen.

Die Stadt Zürich als Eigentümerin und Bauherrin hat darauf verzichtet, das Haus Bärengasse von der 1. Etage an aufwärts rollstuhlgängig zu machen – aus zwei Gründen:

1. Die Eingriffe in die historische Substanz wären massiv. Man hätte alle Türen umbauen müssen. Der Niveauunterschied von 20cm zwischen Nr. 20 und Nr. 22 würde lange Rampen erfordern, die zu gefangenen Räumen führen, da einzelne Zimmer dann nur durch andere, nicht aber durch die vorhandenen Türen direkt vom Lift aus erreichbar wären. Ebenso wären die Kosten in keinem realistischen Verhältnis zum Nutzen gestanden (wie das Behindertengleichstellungsgesetz es vorsieht).

2. Das von der VHS an der Bärengasse zusammengezogene Kursangebot (hauptsächlich Sprachen) hat in den letzten zehn Jahren keine Teilnehmer im Rollstuhl verzeichnet. Sollten sich jedoch Menschen im Rollstuhl für eine Teilnahme interessieren, ist die VHS in der Lage, die entsprechenden Kurse in andere Lokalitäten zu verlegen, die rollstuhlgängig sind. Ausserdem gibt es zahlreiche Anbieter von Sprachkursen in Zürich, deren Unterricht in modernen Gebäuden mit allen Einrichtungen zugunsten gehbehinderter Menschen stattfindet.

Die Besonderheit, die nur die VHS bietet, sind die akademisch ausgerichteten Kurse und Vortragsreihen. Hier verzeichnen wir regelmässig Teilnehmer im Rollstuhl, was uns besonders freut. Diese Kurse werden auch künftig ausschliesslich an der Universität stattfinden. Das Hauptgebäude der Universität ist vollständig rollstuhlgängig. Das gilt auch für das Gymnasium Rämibühl, wo der allergrösste Teil der VHS-Sprachkurse stattfindet.

Die Stadt Zürich wie die VHS sind bestens darüber im Bilde, dass die Schweiz diverse Konventionen unterzeichnet und Gesetze verabschiedet hat, welche im Zeichen der Integration Massnahmen zugunsten (geh-)behinderter Menschen vorsehen. Diese Massnahmen werden bei Neubauten konsequent umgesetzt. Bei Umbauten historischer Gebäude hingegen gilt, wie bei allen Gesetzen in der Schweiz, das Augenmass. Der Zugewinn muss in einem vernünftigen Verhältnis zu den Kosten und dem Verlust an originaler Bausubstanz stehen. Angesichts einer bisher nicht existenten Nachfrage nach Sprachkursen an der VHS seitens stark gehbehinderter Bürgerinnen und Bürger wäre das bei der Bärengasse aber nicht der Fall.

Im Übrigen sind wir überzeugt, dass die Stadt mit der Kombination JULL-VHS eine ideale Belegung für die Bärengasse gefunden hat. Nur anderthalb von fünf Etagen sind durch Büros und Infrastrukturbereiche belegt. Dreieinhalb Etagen sind der Öffentlichkeit im Rahmen von kulturellen Bildungsangeboten oder von einfachen Besuchen zugänglich. Dass es auch Büros hat im Haus Bärengasse, ist für das Haus von Vorteil, weil es dadurch belebt und eine bessere Aufsicht gewährleistet ist. Für den bauhistorischen Schatz, den die Bärengasse darstellt, ist eine bessere und kostengünstigere Lösung nicht vorstellbar.

Die VHS ist im Übrigen keine staatliche Einrichtung. Sie ist eine selbsttragende (d.h. nicht subventionierte) Organisation der Erwachsenenbildung.

Pius Knüsel, Direktor VHS

Ergänzung vom 1. April 2016:

Obiger Beitrag hat offenbar mehr Hoffnungen geweckt, als die VHS erfüllen kann. Wenn es um eine Kursverlegung geht, dann muss die Mehrheit der bisherigen Kursteilnehmer mitziehen. Ansonsten fällt der Kurs zusammen und niemandem ist gedient. Diesen Aspekt haben wir bei der Veröffentlichung der Stellungnahme übersehen. Über Verlegungen nachzudenken, erübrigt sich, wenn es praktisch identische Angebote der VHS an hindernisfrei zugänglichen Kursorten gibt.

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